Wenn sich Sportkommentatoren für eine Mannschaft entscheiden und selbst den Rasen betreten.
… kommt mir das Kotzen.
Dass die Spieler in Interviews nicht mit Sie und Nachnamen angesprochen werden, ist leider Realität und sicherlich Tausendfach kommentiert. Dass der gleiche Kommentator nun aber in seiner Freizeit per Internet Tausende von Interessierte anspricht und mit ihnen zusammen die Fahne des Lieblings- Vereins schwenkt, ist neu.
UPDATE: Ich falle mit der Tür ins Haus! Es geht natürlich um die phänomenale Berichterstattung von @gutjahr rund um die Geburt des Ipads. Eine technische und marketingstrategische Glanzleistung, an der ich mich reibe, andere wie beispielsweise Michael Praetorius aber begrüßen. Es geht mir bei der Diskussion nicht um Richard Gutjahr, sondern vielmehr um die Frage, wie sein Auftritt in weiten Teilen der Internet- Gemeinde interpretiert wird und ob dies nicht ein gefährlicher Trend für die Zukunft des Online- Journalismus ist.
Michael Praetorius nennt das Vorgehen Gutjahrs jedenfalls “embedded journalism”. Diesen Ausdruck kannten wir eigentlich bislang nur aus der Kriegsberichterstattung. Nun wird die Bezeichnung genutzt, um ein neues Phänomen der Medienwelt greifbar zu machen. Die gekonnte Selbstvermarktung eines Freien Journalisten. Und tatsächlich, Beiden ist ein zentraler Punkt gemein: Die große Abhängigkeit. Der Korrespondent, der aus einem Panzer im Irak- Krieg berichtet, wird aufgrund der unmittelbaren Bedrohung durch Leib und Leben eine gewisse Sympathie für die Truppe um sich herum aufbringen. Im Internet erleben wir jetzt sozusagen das Stockholm- Syndrom 2.0. Wer als Freier Journalist oder Blogger oder Blogger oder Freier Journalist über die Geburtststunde eines neuen Produktes berichtet, muss ja auch nicht weiter objektiv sein, who cares!
Everyone cares! Genau das ist der Punkt: Berichtet Gutjahr nun als Blogger oder als Journalist. Entweder ist er ein Apple-Fan-Boy, der im Vorfeld deutlich gemacht hat, dass er privat und aus einer unbeherrschbaren Begeisterung heraus über die Geschehnisse berichten muss. Oder aber er ist ein Freier Journalist, der sich gekonnt den neuen Gesetzen des WWW stellt und so einen exzellenten und handwerklich gut gemachten Beitrag dazu leistet, sich selbst als Marke zu gerieren und dabei jegliche Unabhängigkeit und neutrale Berichterstattung an den Nagel hängt. Beides hat in der Tat mit Journalismus nicht mehr viel zu tun.
Michael Praetorius scheint sich in seinem Blogpost dabei selbst noch nicht ganz sicher zu sein. Bei der Nähe zu den Protagonisten, kann sich jeder selbst vorstellen, wie aufgeregt die ganze Bande ob ihres „Ipad- 2- Days- Of- Fame- Coups“ sein muss. Schließlich kennt man sich. Michael Praetorius betreibt gemeinsam mit Michael Reuter die sogenannte Isarrunde, eine Video- Gesprächsrunde Münchener Medienschaffender, die über den Einfluss digitaler Entwicklungen auf unser tägliches Leben diskutieren. Nebenbei betreibt eben jeder Michael Reuter u.a. mit Richard Gutjahr zusammen die Plattform appstory.tv, die Geschichten rund um Apps erzählen möchte und sich darüber freut, dass die Besucher- Zahlen explodieren, seitdem Gutjahr von der Suche nach dem heiligen iGral nach Hause funkt.
Was ist also los mit diesen Münchener Medienschaffenden, die sich alle irgendwie Journalisten nennen? Tagsüber brav – wie gelernt – ins Mikrofon säuseln oder mit aufgeweckten Augen in die Kamera strahlen und nach Feierabend Produkte bestimmter Marken öffentlich abfeiern? Ist das die Zukunft des Journalismus? Erleben wir hier also eine Zwangsläufigkeit, die sich aus der Social- Media- risierung ergibt? Wollen Leser, Zuschauer und Hörer da draußen wirklich nur unterhalten und nicht informiert werden?
In diesem Zusammenhang wird viel von Transparenz gesprochen. Oh ja, Transparenz. Eines dieser Wörter, die immer dann auftauchen, wenn irgendjemand etwas zu verstecken hat – oder wie war das bei der Aufarbeitung der Finanzkrise? Michael Praetorius jedenfalls hält viel davon. So schreibt er:
Er {Gutjahr}bekommt dabei keine Unterstützung vom Apple-Konzern und genießt auch kein Privileg als Journalist in der Warteschlange.
Hui, feine Sache. Dass der „Journalist“ Gutjahr aber gar nicht aus der Pole- Position hätte berichten können, wie er uns ja selber mitgeteilt hat, wird nicht weiter reflektiert.
Weder versucht er sich als Journalist Vorteile zu verschaffen, noch verheimlicht er seinen Beruf, um Undercover arbeiten zu können.
Gegenüber eines amerikanischen Fernsehteams sah das aber anders aus! Da scheint auch der smarte Gutjahr verfangen in den vielen Identitäten.
Egal. Gutjahr hat also in den Augen vieler, folgt man Praetorius, eine journalistische Glanzleistung hingelegt. Selbst fragwürdige Gazetten wie die Gala (und die Mitarbeiter dort nennen sich auch Journalisten) würden sich aber noch nicht einmal trauen, direkt neben einem Artikel über die neueste Liebes- Beichte George Clooneys eine Anzeige zu schalten, die auf seinen aktuellen Kinofilm hinweist. Im Internet scheint dies alles irrelevant. Aber müssen wir das hinnehmen?
Journalismus {ist} kein Beruf, sondern eine Tätigkeitsbeschreibung.
Richtig. Journalismus war auch noch nie ein richtiger Beruf. Wer schon einmal im Gemeindeblatt die Spielergebnisse seines Handball- Vereins eintragen durfte, ist schließlich auch Journalist. Aber Journalisten, die sowohl für Öffentlich- Rechtliche- Sender arbeiten, als auch im Vorfeld ihre Story an sueddeutsche.de verkaufen, sollten immer noch einem Anspruch gerecht werden, den der Deutsche Presserat vorgibt:
Journalisten und Verleger üben keine Tätigkeiten aus, die die Glaubwürdigkeit der Presse in Frage stellen könnten.
Wenn nun aber die Zukunft der Freien Journalisten darin bestehen sollte, sich als Digitale Rampensäue zu positionieren, die eine derart professionelle Begeisterung für neue Produkte aufbringen, dann Gute Nacht. Dann wird nämlich der Branche kein Dienst erwiesen, der Verlage und Redaktionen wieder in die Gewinn- Zone zu bringen vermag, sondern aus den Brettern, die die Welt bedeuten eine neue Bühne gebaut: Eine Bühne für Hybriden aus Journalismus und PR, vor der uninformierte Lemminge sitzen, die alles glauben, was ihnen da vorgespielt wird. Word!






{ 1 comment… read it below or add one }
Dass der Unterschied von PR und Journalismus immer undurchsichtiger wird, ist ja bereits lange bekannt! Das fängt bei der Berichterstattung über Werbepartner/Anzeigekunden an und endet in journalistisch aufgemachten Filmen, die Unternehmen drehen, um sich vorzustellen…
Spannend ist vor allem die Frage, – bestimmt auch für den Verfasser dieses Blogs – wie sich die bloggenden Journalisten in ihrer Tätigkeit verstehen. Blogs gelten als stark individualisiert, meinungsabhänging etc. Von beispielsweise Zeitungen erwartet die Meisten (nicht unbedingt berechtigterweise), dass die Menschen, die dort an den Tastaturen sitzen, “objektiv” (was auch immer das Wort bedeuten soll) agieren…
Wie also – und das bleibt auch in Ihrem Artikel offen, Martin – soll die Trennung zwischen “Meinungsmache” auf privaten Webblogs und “objektiver Berichterstattung” auf an deren Kanälen von der selben Person im Medium Internet gekennzeichnet sein???
{ 3 trackbacks }